Aktueller kann ein Festivalfilm kaum sein: Wenige Tage nach Beginn des Prozesses gegen den Erzbischof von Lyon, Kardinal Philippe Barbarin, wegen Nichtanzeige sexueller Übergriffe des Priesters Bernard Preynat, hat der französische Regisseur Francois Ozon „Gelobt sei Gott“ bei der Berlinale gezeigt. Das Drama basiert auf der wahren Geschichte Preynats, der von 1986 bis 1991 mindestens 70 Jungen missbraucht haben soll. Er hoffe, sein Film werde Einfluss auf die Gesellschaft haben und eine große Debatte anstoßen, sagte Ozon am Freitag in Berlin.
Die Handlung: Alexandre (Melvil Poupaud) lebt mit Frau und Kindern in Lyon. Eines Tages entdeckt er durch Zufall, dass Pater Preynat, der ihn während seiner Zeit als Pfadfinder missbrauchte, noch immer mit Jugendlichen arbeitet. Der Vater von fünf Kindern beschließt, endlich gegen den Mann vorzugehen, auch wenn dessen Taten zunächst verjährt scheinen. Er sucht nach weiteren Opfern und findet unter anderen François (Denis Ménochet) und Emmanuel (Swann Arlaud). Jeder der Männer ringt anders mit der Vergangenheit, doch zusammen gründen sie die Selbsthilfeorganisation „Das befreite Wort“, gehen an die Presse und vor Gericht.
Ozon porträtiert die Opfer als erwachsene Männer, um ihre lebenslangen Verletzungen offenzulegen – auch wenn ihr Schmerz nie ein bestimmtes Level überschreitet. „Ich wollte wirklich auf der Seite der Opfer sein“, betont der Regisseur. Zugleich polemisiert sein Film nicht gegen die katholische Kirche an sich, sondern ihr institutionalisiertes Schweigen zur Pädophilie. Fassungslos müssen Ozons Hauptfiguren immer wieder erleben, wie Preynat seine Sünden offen zugibt und Kirchenvertreter mit frommen Wünschen ihr Bedauern ausdrücken – um dann rasch wieder zur Tagesordnung überzugehen und den Pater ungestört in Amt und Würden zu lassen. Ist doch alles schon so lange her, heißt es mehr als einmal. Oder: „Jeder hat so seine Probleme.“ Barbarin spricht gar von: „Gott sei Dank verjährt.“
Geheime Dreharbeiten
Ozon, der bereits zum fünften Mal im Berlinale-Wettbewerb zu Gast ist, drehte „Gelobt sei Gott“ unter größtmöglicher Geheimhaltung – und die Kirchenszenen in Belgien und Luxemburg. Lyon sei erzkatholisch und „die Macht dort eng mit der Kirche verwoben“, erklärte er. Schon die Finanzierung des Films sei wegen des Themas sehr schwierig gewesen, sagte Produzent Eric Altmayer.
Brisante Neuigkeiten präsentiert „Gelobt sei Gott“ indes nicht: „Alles in meinem Film war in Frankreich schon in der Presse“, sagte Ozon, der ursprünglich einen Dokumentarfilm plante, wie ein Journalist recherchierte und Opfer und Familienmitglieder traf. Dann stellte er jedoch fest: Was diese ihm berichteten, war viel zu intim, um es zu dokumentieren, und musste in Fiktion gewandelt werden.
Der französische Filmemacher erzählt seine Geschichte dabei raffiniert aus drei Perspektiven. Nacheinander geht die Rolle des Protagonisten von dem gefassten Alexandre auf den aggressiveren Francois und schließlich auf den gebrochenen Emmanuel über. In stummen Rückblicken zeigt er die Kinder im Pfadfinderlager oder im Fotolabor – ohne konkret zu werden, aber sichtbar machend, wie die Jungen verstört und hilflos dem Mann folgen, der bei ihnen zuhause doch so großes Ansehen genießt. „Gelobt sei Gott“ thematisiert dabei auch, wie verschieden unterschiedliche gesellschaftliche Milieus mit dem Trauma ihrer Kinder umgingen.
Mit seinem erstmals in der realen Gegenwart angesiedelten Werk vollzieht Ozon, der als großer Frauenfilmer gilt, übrigens auch insofern einen Wechsel, dass er Männer in den Vordergrund stellt. Allerdings betonte er am Freitag in Berlin zugleich: „Ich habe festgestellt, dass diese Männer ihren Kampf nicht ohne Frauen – Ehefrauen oder Mütter – hätten führen können.“
Anfang März wird in Frankreich das Urteil gegen Barbarin und seine Mitangeklagten verkündet.
„Gelobt sei Gott“: Ozons Berlinale-Beitrag über katholischen Missbrauchsskandal
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