Ein besseres Leben wünscht Anna Poliatova (Sasha Luss) sich, und ihr Wunsch wird bald erhört –zumindest augenscheinlich. Die junge, verwaiste Frau, die mit dem kriminellen Draufgänger Petyr (Alexander Andrejewitsch Petrow) unter miserablen Umständen in Moskau zusammenlebt, wird in ihrer misslichen Lage von KGB-Agent Alex Tschenkov (Luke Evans) aufgesucht. Der smarte Agent erkennt Annas Struktur schnell: Sie trägt ein einerseits zerstörendes Wesen und andererseits einen starken Überlebenswillen in sich. Sie kämpft um ihren Traum von einem lebenswerten Leben, und ist bereit dafür über Leichen zu gehen – und zwar wortwörtlich. Dazu braucht sie nur jemanden, der sich ihrer annimmt und sie steuert. Tschenkov schlägt sein vielversprechendes Wunderkind der unterkühlten und sarkastischen Handlerin Olga (Helen Mirren) vor, die Anna nach einigem Zögern als Auftragskillerin einstellt. Es wirkt grotesk, wenn Olga später zu Anna sagt, dass diese ihr wie eine Tochter erscheine. Bald schon erhält das „Findelkind“ grausame Aufträge von der Ersatzmutter.
Filmkritik zu ANNA (2019) von Luc Besson: Die Geschichte eines heillosen Wunderkindes
Doch zunächst braucht Anna einen offiziellen Beruf zur Tarnung. Deshalb lässt sie sich dank ihrer Schönheit als Model rekrutieren und steht damit in der Öffentlichkeit der Modebranche. So weilt sie zwischen zwei kontrastreichen Welten, zwischen einem glamourösen Dasein der Modeszene und dem Agieren in einer dunklen Welt voller Abgründe und Machtspielchen. Die schöne, unschuldige und bemitleidenswerte Anna wird von ihren beiden unterschiedlichen Auftraggebern in eine mörderische Puppe ohne jegliches Gewissen verwandelt. Als Untermalung hierfür dienen vor allem die Kostüme und Perücken, die sie sowohl als Model als auch als Killerin trägt. Kontinuierlich nimmt sie verschiedene Rollen ein, um über ihre wahre Identität hinwegzutäuschen.
Dieses Täuschungsmanöver lebt sie jedoch auch ohne Kostüm und Perücke in ihrer Liebesbeziehung mit Model-Kollegin Maud (Lera Abova) aus, die sich in Anna verliebt und mit ihr ein gemeinsames Leben aufbauen möchte – natürlich ohne zu ahnen, dass ihre Liebste ein zweites, etwas unreizenderes Gesicht trägt. Das Führen eines geheimen Doppellebens, das Schaffen konstruierter Scheinwelten sowie das gewissenlose Töten gehören zum regulären Alltag Annas, der man, würde man ihr auf der Straße begegnen, sicherlich kaum ihre zahllosen, blutigen Vergehen zutrauen würde. Aber es sind die unscheinbaren und kleinen Dinge, auf die es oftmals ankommt. So wird Anna nach der Ermordung eines Waffenhändlers von dem smarten CIA-Vorsteher Lenny Miller (Cillian Murphy) anhand eines Details ihrer Körperhaltung entlarvt und anschließend erfolgreich rekrutiert. Damit wird sie zur Doppelagentin, und erreicht unverhofft eine Möglichkeit ihrem Traum von Freiheit näher zu rücken, indem sie beauftragt wird den Kopf des KGB auszuschalten – den Mann, laut dem sie den KGB niemals lebendig verlassen könnte.
Anna ist die Verkörperung einer Doppelgestalt. Der französische Produzent und Regisseur Luc Besson hat mit ihr eine kontrastreiche Gestalt erschaffen, die in ihrer ausweglosen Situation einer instrumentalisierenden Gesellschaft zum Opfer wird.
Das Model Sasha Luss, bekannt auch aus ihrem 2017 erschienen Filmdebüt „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“, ebenfalls gedreht unter der Leitung von Luc Besson, spielt in „Anna“ ihre erste Titelrolle. Sie begeistert durch ihre Wandlungsfähigkeit, und beweist damit ihr schauspielerisches Talent.
Die Kamera bleibt während des Filmes nah an der Hauptfigur dran, verlässt sie keinen Augenblick lang, überwacht jeden ihrer Schritte, wie auch die Handlerin Olga, die Anna ebenfalls per Kamera beobachtet. Überhaupt spielt die Kamera in dem Film eine große Rolle. Anna wird auch von Miller und seinen Kollegen beobachtet. Immer wieder werden Aufzeichnungen vorgeführt. Die Kamera wird zur Metapher für das wachsame Auge eines totalitären Regimes. George Orwell lässt grüßen. Die Zuschauer begleiten Anna also ebenfalls durchweg. Jedoch erfahren sie oftmals erst durch eine eingeschaltete Rückblende, wie es zu einer Situation kommen konnte. Besson erzählt auf diese Weise eine Geschichte, die in sich verschachtelt und doch strukturiert erscheint. Es ist eine Geschichte, die zugleich fasziniert und abschreckt. Abschreckend wirkt sie vor allem deshalb, weil Besson in diesem Film mehr noch als in seinen anderen Filmen zu Brutalität und Gewalt greift. In zahllose tödliche Gemetzel verwickelt er seine Heldin, er zwingt sie bin an den Rand dessen, was zumutbar erscheint – vor allem seelisch. In schnellen und kurzen Sequenzen werden eine Vielzahl an von Anna ausgeführten Morden gezeigt. Anna legt ihr Gewissen zunehmend ab. Hatte sie jemals eines?
Ihrem Gefühlsleben wird in dem Film insgesamt zu wenig Raum gegeben. Ihre, angesichts ihres anstrengenden und belastenden Doppellebens, sich entwickelnde Unzufriedenheit verwandelt sich nur selten in Auflehnung, beispielsweise als sie den Fotografen aus Wut auf den Boden schlägt und ihn mit seiner blutenden Nase zwingt zu lächeln, während sie ihn fotografiert. Damit dreht sie die gewohnte Situation um und verkehrt die Machtverhältnisse.
Die zwischengeschalteten Liebesszenen können die wachsende Leere in Anna nicht füllen. Sie sind durchtränkt von reiner Triebhaftigkeit, jedenfalls seitens Anna, und haben nichts mit Liebe zu tun. Weder die lebenslustige Maud, noch die beiden smarten Agenten Tschenkov und Miller, die allesamt Annas Charme und ihrer Schönheit verfallen, können sie vollends für sich gewinnen. Anna ist und bleibt eine unnahbare Einzelkämpferin.
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