Die Mittzwanzigerin Mia (Victoria Schulz, „Die Unsichtbaren“) ist eine lebenslustige junge Frau in der Großstadt, die sich im Poetry-Slam versucht und als Synchronsprecherin arbeitet. Als Mia die Hauptrolle in einer zehn Staffeln umfassenden japanischen Anime-Serie bekommt, ist sie überglücklich, zumal es zwischen ihr und dem Synchronregisseur Jacob (Björn von der Wellen, „Miss Sixty“) funkt. daß ihr Vater in der Heimat todkrank ist und ihre Familie sie immer wieder bittet, ihn zu besuchen, verdrängt sie routiniert mit „Papa schafft das schon“-Plattitüden. Als Mia einen kleinen Stromschlag erhält, scheint sie zunächst unverändert, jedoch identifiziert sie sich immer mehr mit der Rolle, die sie spricht und scheint sogar mit dieser blauhaarigen Kimiko, die Elektrizität sehen kann und gegen böse, ihre Opfer durch Magnetfelder willenlos machende Dämonen kämpft, zu verschmelzen. Mia ist überzeugt davon, daß die Wesen auch in ihrer Welt die Menschheit bedrohen und nur sie mit ihren außerordentlichen Fähigkeiten sie aufhalten kann – gemeinsam mit ihrem griesgrämigen Nachbarn Kristof (Hans-Jochen Wagner, „Alle anderen“) als Sidekick …


Kritik:
Ein deutscher Independent-Superheldenfilm? Das klingt interessant. Natürlich ist klar, daß das nichts ansatzweise „Avengers“-artiges sein kann, aber es gab schon früher gute Independent-Superheldenfilme wie „Super“, „Defendor“, „Chronicle“ oder auch den deutschen „Lux – Krieger des Lichts“, die einen Mangel an Budget mit Ideen und der Ergründung ganz anderer, meist realitätsnäherer Facetten wettmachen. Daß die „Electric Girl“-Regisseurin und -Koautorin Ziska Riemann („Lollipop Monster“) selbst Comicautorin ist und ihre Superheldengeschichte mit einer japanischen Anime-Serie über ein Mädchen mit besonderen Kräften verbindet, ist ebenfalls ein spannender Ansatz. Zu meinem Bedauern kann ich jedoch mit ihrer Art der Umsetzung dieses Ansatzes nicht allzu viel anfangen, was in erster Linie mit einer Eigenart meinerseits zu tun hat: Ich bin quasi allergisch gegen Fremdschämen! Womöglich ist das so, weil ich mich seit jeher gut in andere Personen hineinversetzen kann und deshalb etwa im allseits gelobten und zweifellos handwerklich sehr gut gemachten „Stromberg“ (respektive den englischsprachigen „The Office“-Serien, die als Vorlage dienten) die gesammelten Peinlichkeiten der handelnden Personen dermaßen hautnah nachempfinden kann, daß es mir beinahe körperliche Schmerzen bereitet. Anders als die meisten Fremdschäm-Werke nutzt „Electric Girl“ diese Momente zwar in der Regel nicht für Humoreinlagen; ehrlich gesagt verstärkt die Ernsthaftigkeit, mit der die Figuren im Film Mias öffentlichen Superheldinnen-Anwandlungen begegnen, deren Peinlichkeit aber sogar noch. Kurz gesagt: „Electric Girl“ ist einfach kein Film für mich.

Dabei gibt es einige Elemente, die ich sehr wohl lobenswert finde. Hauptdarstellerin Victoria Schulz beispielsweise spielt ihre Rolle energetisch und leidenschaftlich bis hin zum Manischen und reizt auch die angesprochenen Fremdschäm-Szenen mutig aus. Dabei gelingt es ihr, die bereits vor ihrer „Wandlung“ extrovertierte Mia durchaus sympathisch zu zeichnen, was man am besten an ihrem Umgang mit ihrem Nachbarn Kristof erkennt, zu dem sie durch lebhafte Freundlichkeit vordringt, obwohl er eigentlich seine Ruhe haben will. Etwas mehr Hintergründe über Mia wären allerdings nett gewesen. Der routinierte Hans-Jochen Wagner agiert ebenso überzeugend als eine Art Ruhepol der Geschichte, als Kontrapunkt zu Mias Aufgekratztheit, der aber durch ihre Verwandlung zur Superheldin (ob nun echt oder eingebildet) zunehmend überfordert wird. Gelungen sind außerdem die Anime-Sequenzen, deren Stil sich zwar schon von den echten japanischen Animes unterscheidet, die ich kenne (wobei ich kein Experte bin), aber für sich genommen absolut sehenswert ist. Genau genommen hätte ich sogar lieber mehr davon gesehen und weniger von Mias Superhelden-Ambitionen im richtigen Leben.

Das Drehbuch – an dem neben Regisseurin Ziska Riemann übrigens die frühere Lucilectric-Sängerin Luci van Org beteiligt war – sieht das aber anders und so müssen wir miterleben, wie sich Mia von einer peinlichen Situation zur nächsten manövriert und dabei von ihr unbemerkt ihr eigenes Lebensfundament Stück für Stück einreißt. Allerdings beginnt das erst so richtig in der zweiten Filmhälfte, speziell in der ersten halben Stunde geschieht eigentlich nicht viel mehr, als daß wir Mia (und ihr nächstes Umfeld) kennenlernen und ihr ausführlich bei der Arbeit und beim Feiern im Nachtclub – selbstredend zu elektronischer Musik – zusehen. Bemerkenswert ist, daß Mias zunehmend irrationales, selbstgefährdendes Verhalten von den damit Konfrontierten zwar mit Befremden zur Kenntnis genommen wird, aber sehr lange niemand wirklich eingreift oder sie zur Rede stellt. Offensichtlich sind Mias Beziehungen zu anderen Personen, selbst zu ihrer eigenen Familie, dafür zu oberflächlich, woran sie mit allzu egozentrischem Verhalten mindestens eine Mitschuld trägt. Gleichzeitig kann man das auch als Kritik an der Gesellschaft interpretieren, in der die Individualisierung so ausgeprägt ist, daß sich häufig selbst Nachbarn nicht mehr kennen und somit logischerweise auch das Aufeinanderachtgeben bei weitem nicht so ausgeprägt ist wie in früheren Zeiten, selbst mögliche schwere psychische Erkrankungen (falls Mia sich alles nur einbildet) übersehen werden. So oder so: „Electric Girl“ bietet durchaus Diskussionsstoff – zumal es bis zum Schluß nach knapp eineinhalb Stunden wenige Antworten zur Bedeutung dessen gibt, was gezeigt wird – und kann sich als origineller deutscher Beitrag zum Genrekino sehen lassen … sofern man kein Problem mit etlichen Fremdschäm-Momenten hat.


Fazit: „Electric Girl“ ist ambitioniertes, handwerklich wie auch schauspielerisch gut gemachtes Genrekino aus deutschen Landen, das aber mehr auf Sinneseindrücke als auf eine stringente Handlung setzt und eher ungeeignet ist für Zuschauer mit Fremdschäm-Phobie.

Wertung: Von mir als Fremdschäm-Phobiker gibt es 6 Punkte; wer damit keine Probleme hat, darf vermutlich einen Punkt aufschlagen. 
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